Theorie und Agitation

Diskussionsveranstaltung des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts (GI) Hannover, im Rahmen der Reihe ‚Wissenschaft statt Ideologie‘.

Teilnehmer: Erich Hahn (Ex-SED), Joachim Bruhn (ISF Freiburg), Peter Bulthaup (Philosophisches Seminar Hannover), Karl Held (GSP)
Moderation: Werner Hofmann (GI)

Nach einer knappen Darstellung der durch die Referenten zu beantwortenden Frage zum Verhältnis von Theorie bzw. wissenschaftlicher Erkenntnis und Agitation, ihrer Aufgaben und Bedingungen, tragen die Referenten in der oben angegebenen Reihenfolge je ca. 15 min. vor. Karl Held nutzt, wie man ihn kennt, allerdings vorher schon Redepausen der Anderen, um deren Ausführungen zu kritisieren. Die ca. zweistündige freie Diskussion verläuft im wesentlichen als Kritik an Bruhn und Hahn durch Held und Bulthaup, die sich weitgehend einig sind, auch darin, daß die Marxsche Kapitalismuskritik keine (!) moralische Kritik an den ökonomischen Agenten ist. Allerdings kritisiert Held den affirmativen Bezug Bulthaups auf einige geschichtsphilosophische, noch humanistisch-linkshegelianische Positionen des jungen Marx. Der Dauerstreit zwischen Bulthaup und Held bzw. zwischen GI und GSP über die Frage, inwiefern die marxistische Gesellschaftskritik auch (!) moralisch begründet sei, wird nicht ausgefochten.

Bruhn macht sich mit seinem Hauptmotiv, der „Ableitung“ kapitalistischer „Denkform“ aus der „Warenform“ bzw. „Kapitalform“ (vgl. Sohn-Rethel) zum Gegenstand des allgemeinen Amüsements. Seine Kritik an den „Intellektuellen“, denen er auch Lenin umstandslos zurechnet, die immer nur von ihrer theoretisch-höheren Warte aus die Arbeiterklasse am Gängelband hätten anführen wollen, gipfelt in dem bescheuerten Gegensatz von positiver Wissenschaft, die bloße Abstraktion von der Wirklichkeit sei und diese notwendig in den gang und gäben Vorstellungen affirmiere, und Kritik, die – man weiß nicht recht, wie – mit den leidvollen Erfahrungen der Beherrschten gesättigt, also vor allem moralisch bestimmt sei. (Sinngemäß)
Hahn hat, nach eigenem Bekunden, sein „Leben lang Ideologie produziert“, faßt den Begriff in leninistischer Tradition ganz affirmativ als theoretisches Instrumentarium zur Agitation der Massen, und verwickelt sich in Widersprüche, wenn er den praktischen Erfolg der eigenen Agitation zum Maßstab der Wahrheit ihrer Inhalte erklärt – in Anlehnung an die 2. Feuerbachthese Marxens.
Sowohl Bulthaup als Held pochen demgegenüber darauf, daß vernünftige Agitation es nur mit der Darstellung der Wahrheit zu tun hat, und die ist nun einmal Resultat der wissenschaftlichen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise und von sonst nichts. Nachdem Bulthaup, wie es seine Art ist, das am Anfang in abstrakter Form, anhand einiger Hegel-Zitate und deren Auslegung, vorgetragen hat, bemühen sich beide darum, den beiden anderen Referenten und dem Publikum das ganze an konkreten politisch-ökonomischen Zusammenhängen, also an der „bunten Lebenswirklichkeit“ zu demonstrieren und damit zugleich die Idiotien von Bruhn und Hahn offenzulegen.

Theorie und Agitation – Mitschnitt

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